Jugendfestler: Passwort: | | |

jugendfest.de - Literaturecke: GESCHICHTE

Es ist wie es ist - IV

Beachtet die anderen drei Teile der Geschichte!
Und entschuldigt, dass der erste Teil zweimal vorhanden ist. Jugendfest.de hat zurzeit ein Surferproblem und das hat mich gerade rausgeworfen, wieder reingelassen... Naja, komplizierte Sache. Jedenfalls tuts mir Leid. Das war keine Absicht.

Nadja



7. Vater

Minna schläft schon seit einiger Zeit. In der Hütte gab es einen kleinen Campingherd und Malka hat in einem Schrank eine Packung Nudeln gefunden. Ich sollte draußen etwas finden, was wir dazu essen konnten.
Nudeln mit Erdbeeren.
Man muss alles einmal probiert haben.
Minna hat sich jedenfalls nicht beschwert und schläft jetzt in einem Schlafsack auf dem Sofa. Malka hat ihr eine Geschichte erzählt von früher. Von Piraten und einer schönen Meerjungfrau. Sogar mich hat die Geschichte gefesselt. Man glaubt nicht, was für Fähigkeiten in den Menschen stecken und Malka bleibt für mich ein riesiges Rätsel.

Jetzt sitzen wir draußen an einem Lagerfeuer. Malka hat es angezündet. Ich bin für solche Sachen zu ungeschickt, aber unglaublich dankbar für diese Wärme. Wie gern würde ich mich mitten auf die Holzscheite stellen und verbrennen. Es muss ein grandioses Gefühl sein, wenn man Feuer fängt und in Flammen aufgeht. Ich stelle es mir nicht schmerzhaft vor. Ich stelle es mir wunderschön vor. Eins zu sein mit der Flamme.
Malka unterbricht meinen Gedanken.
„Wieso bist du so geworden, wie du jetzt bist?“, fragt sie geradeaus. Ich schaue von den züngelnden Flammen in ihr unbelebtes Gesicht.
„Ich bin so wie ich bin. Ich weiß nicht wieso“, sage ich, ohne darüber nachzudenken. Es ist die beste Floskel, die mir eingefallen ist. Solche Fragen gehören in die Kategorie >nicht möglich, zu beantworten<.
Malka lässt nicht locker.
„Wer hat dich denn so erzogen?“, will sie wissen.
Ich überlege. Die Antwort liegt mir auf der Zunge, aber sie ist zu einfach, als dass ich sie aussprechen mag, so kehrt Stille ein. Ich sehe wieder ins Feuer. Die Flammen fressen das Holz regelrecht auf. Die Wärme bringt mein Gesicht zum Glühen. Das erste Mal seit Tagen ist mir wieder warm.
Nach einer halben Ewigkeit sehe ich Malka wieder an. Sie hat ihr Gesicht immer noch auf mich gerichtet, hat es nie abgewandt, sondern wartet geduldig auf eine Antwort.
„Mein Vater“, sage ich schließlich.
Malka nickt.
„War er sehr streng mit dir?“, will sie wissen. Ich überlege, erinnere mich an einige Augenblicke, wo er mir furchtbar ungerecht vorkam. Er zwang mich stets zum Lernen. Ich sollte in der Schule der Beste sein und wurde der Schlechteste. Gerade so habe ich meinen Abschluss bekommen. Durch Glück bin ich in eine Ausbildung gerutscht und habe mit Ach und Krach die Prüfungen bestanden. Mein Vater wollte mich erziehen, nachdem meine Mutter gestorben war. Er wollte, dass sie stolz auf mich ist. Aber ich hatte keiner Erinnerung an sie und ich habe sie nie vermisst. Meine Mutter war an der Strenge des Vaters Schuld. Sie war Schuld, dass ich immer der Beste sein sollte, obwohl ich es nicht konnte.
Malka hörte meinen Gedanken zu. Sie lauschte, obwohl ich lange redete und keine Pause machte. Selbst als ich mit weinen anfing, weil die Erinnerungen so schmerzlich waren, sagte sie kein Wort, sondern saß da, schwieg mit ihrem kindlichen Gesicht besser als jede Erwachsene und hörte zu.
„Ich hasse meine Mutter“, erkläre ich schließlich. Da erst kehrt Unverständnis in Malka auf.
„Du kannst deine Mutter nicht hassen, wenn dein Vater Schuld an allem ist. Er hat dich gezwungen so zu sein, wie er es wollte, damit du deiner Mutter gefällst. Du hättest ihr auch gefallen, ohne dass du der Beste warst. Nicht deine Mutter trifft die Schuld, sondern deinen Vater“, sagt sie.
Die Flammen schlagen höher und trocknen meine Tränen, aber es kommen immer neue hervor, als wären sie seit Jahren dort angestaut worden und wollten jetzt, wo die Möglichkeit gegeben wurde, alle auf einmal an die Oberfläche.
„Malka“, sage ich und schaue das Mädchen an. Sie rückt näher zu mir und nimmt mich in den Arm. Jetzt wirkt ihr Gesicht wieder erwachsen.
„Malka. Meine Mutter hat sich das Leben genommen“, erkläre ich.
Und mehr muss ich nicht sagen, als dass sie es nicht sofort versteht. Mein Vater hat meine Mutter über alles geliebt. Er hat den Selbstmord nicht verstanden und nicht verkraftet. Er wollte ihr Liebe beweisen. Er tat es, in dem er mich zu einem intelligenten Schüler machen wollte. Mein Vater wollte, dass ich der Beste bin, um einer Frau zu gefallen, die sich längst gegen ihn entschieden hatte.
„Wahrscheinlich kommt daher dein gestörtes Verhältnis zu den Menschen“, meint Malka. In ihrem Kopf klingt alles logisch. In meinem auch. Sie hat Recht.
„Danke“, flüstere ich und gebe ihr einen Kuss. Sie erwidert ihn sofort, lässt mich gar nicht mehr los. Wir klammern uns aneinander wie ein Pilz und eine Alge, die zusammen eine Symbiose eingehen. Eine Lebensgemeinschaft. Jeder gibt seinen Teil, jeder nimmt seinen Teil und zusammen können sie gut existieren. Flechten.
Wie ein Geflecht liegen wir da neben dem Feuer. In einem Wald und über uns die bösen Vorzeichen. Weltuntergang. Was solls. Ich küsse sie. Überall. Sie erwidert die Küsse ohne ein Wort zu sagen und wir lieben uns hier draußen, wo uns keiner sehen kann. Sie lässt es zu, so wie ich es zulasse. Ohne an morgen zu denken. Vielleicht gibt es kein Morgen mehr. Und wenn doch… Es spielt keine Rolle. Hier liegen zwei Menschen, die nur sich haben.
Mein Vater ist vor zwei Wochen gestorben.

8. Eltern

Ich wache neben Malka auf. Sie kuschelt sich an mich, wirkt dabei wieder so kindlich, dass ich mich fast für vorhin schäme. Das Feuer brennt noch immer. Es ist mitten in der Nacht. Malka merkt, wie ich mich bewege und öffnet die Augen.
Ich rieche an ihren Haare. Ja, noch immer strömt der Duft der Glockenblumen aus ihrem Haar.
„Warum bist du so, wie du bist?“, frage ich.
Malka schaut mich an. Erleichtert. Froh. Ich freue mich über die Regungen in ihrem Gesicht; ein Gletscher beginnt zu tauen.
„Ich bin nicht schon immer wie ich bin. Das hat erst vor einem Jahr angefangen, als meine Eltern verkündet haben, dass sie sich trennen. Meine Kindheit war praktisch beendet“, meint sie.
„Du kommst nicht damit klar“, sage ich. Sie nickt.
„Meine Familie ist zerstört, dabei wünsche ich mir kaum etwas mehr, als dass es wieder so wird wie früher.“
Sie braucht nicht weiterzureden. Ich kann mir plötzlich so leicht erklären, was für ein Problem sie hat. Wie Schuppen fällt es mir von den Augen. Da hätte ich eher drauf kommen können.
„Du vermisst die Geborgenheit“, sage ich. „Deine Eltern haben wahrscheinlich gerade ganz andere Probleme, als sich mit dir zu beschäftigen und in all dem Trubel erfindest du dir ein Kind, um das du dich kümmern kannst. Mit dem du wieder Geborgenheit erlebst.“
Malka seufzt.
„Ich weiß nicht“, sagt sie. „Mag sein, dass du Recht damit hast, aber warum ist es dann wieder verschwunden?“
Ich bewundere sie. Ohne zu zögern, nimmt sie sich meiner Theorie an und erkennt, dass ihr Kind nur Einbildung war. Möglicher Weise hat sie es auch schon vorher erkannt und nur noch nicht so sehr darüber nachgedacht. Der Tag war hektisch. Wir haben ein Kind entführt. Das Kind unseres Psychologen! Ich grinse immer noch bei der Vorstellen, anstatt dass ich mir irgendeines Unrechts bewusst werde.
Ich überlege auch, warum Malkas Kind wieder verschwunden ist. Vielleicht hat sie Geborgenheit gefunden. Bei mir.
„Ich weiß es nicht“, lüge ich. „Aber man kann auch nicht immer für alles im Leben eine Erklärung haben.“
Malka nickt betrübt.
„Ja, sonst wüsste ich vielleicht, wieso sich meine Eltern getrennt haben“, sagt sie.
Ich küsse sie auf die Stirn.
„Ich glaube, es ist gar keine schlechte Erfahrung. Es tut dir weh, ich weiß. Aber ohne die Trennung deiner Eltern wärst du nie so geworden, wie du jetzt bist“, sage ich.
„Ein verstörtes Kind in einer Psychatrie“, gibt sie zurück.
Sie hat natürlich Recht. Trotzdem finde ich, sie hat etwas Besonderes an sich, was andere Menschen nicht erkennen, weil sie nicht hinschauen. Stefan war vielleicht auf dem richtigen Weg, aber ich habe es erkannt und mag sie, wie sie jetzt ist. Und das würde ich weiß Gott von keinem anderen Mädchen denken. Erst recht von keiner 14jährigen! Ich schmunzle.

Malka steht auf und geht nach drinnen.
„Wir sind hier draußen eingeschlafen“, sagte sie. „Das war verantwortungslos, wo doch die kleine Minna bei uns ist. Ich gehe hinein und passe auf sie auf“, erklärt sie. Ich nicke und folge ihr.
Das Feuer hat mich so mit Wärme voll getankt, dass die Kälte aus den Gliedern verschwunden ist. Ich weiß, dass der anonyme Anrufer nicht mehr auftauchen wird und dazu muss ich nicht erst den Himmel anschauen. Es reicht, wenn ich nach drinnen gehe und mich neben Minna und Malka lege.

Von: delamarck, 07.02.2007, 12:58.
Alle Beiträge von → delamarck.
Diesen Textmelden.


KOMMENTARE:

wow die geschichte ist wirklich wahnsinnig toll! man kann sich den himmel und alles andere richtig gut vorstellen! da kommen 1000 verschiedene, wunderschöne bilder in meinen kopf! sprachlos!
von: pfueffi, 07.02.2007, 16:03

ich weiß, der kommentar kommt sehr spät, aber ich bin grad über die geschichte gestolpert klingt gut. echt gut viele bilder metapher am anfang war irgendetwas, was mich störte, aber es tut mir leid. ich habs vergessen. vielleicht spicht aber grade das für deine geschichte.
von: kleenestephi am 10.11.2008, 21:03


dein Kommentar:
(max. 1000 Zeichen)
    
    
     Kommentare können nur eingeloggte Jugendfestler geben.
     Hier Jugendfestler werden!


Diesen Text per Email empfehlen.
Zur
Druckansicht.
Zur
Literaturecke.
JF-Mau-Mau:
foxi12 hat im Mau-Mau gegen unilux gewonnen! weiter
Such den Ort:
Punktzahl beim Such.den.Ort.Spiel: 48151 weiter
Kalender:
MoDiMiDoFrSaSo
303112345
6789101112
13141516171819
20212223242526
09.04.: Gründonnerstags-J..
21.04.: Warum? Evangelisc..

heute | alle | Jahresplan

aktual. JFler:
flint tee staubfinger
neue JFler:
sonnenschein2002 linab2690 lxstinyxxrlight
Jugendfestler:
Direkt zu einem Jugendfestler springen:
> los!

Durchsuchen:
Auf jugendfest.de Verlorenes finden:
> los!

Zuletzt gesucht: dualpoetrist nibiniel niebiniel