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jugendfest.de - Literaturecke: GESCHICHTE

Der Schlacksige, junge Mann und das Mädchen

Jens Lehmann schlurfte die Straße entlang. Jeder Schritt schliff über den Asphalt. Man musste meinen, er hätte die Schuhe bald durchgescheuert, doch sie hielten dem schlacksigen jungen Mann und seiner eigentümlichen Gangart stand. Der nächste Baum lud ihn zu einem Päuschen ein. Schon war die Zigarette in seinem Mund und der Rauch quälte die Blätter über seinem Haupt.
„Darf ich auch eine?“, fragte ein Mädchen. Es war plötzlich hinter ihm aufgetaucht.
„Ja“, erwiderte Jens. Er fischte mit seinen langen Fingern, die eher dürren Ästen als Gliedmaßen glichen, einen Glimmstängel hervor. Jens beobachtete, wie das Mädchen ungeschickt die Zigarette anzündete und dann genüsslich eine paffte.
„Du rauchst das erste Mal?“, fragte er.
Das Mädchen zog noch einmal, blies ihm den Rauch ins Gesicht. Es mochte 15 sein. Die frechen Haare hatten sich in seiner Kapuze vergraben. Noch einmal bekam Jens den weißen Nebel ab.
„Pass auf“, sagte er. „Du ziehst an der Zigarette und dann saugst du so schnell die Luft ein, als wenn deine Mutter ins Zimmer kommt und dich beim Rauchen erwischt. - Huh.“ Der junge Mann machte es vor.
Keine Reaktion. Das Mädchen paffte weiter.
„Ich hab dir eine Zigarette angeboten. Du könntest schon was netter sein“, murrte Jens schließlich. Er hatte seine Zigarette aufgeraucht und wollte weiter seines Weges schlurfen. Das Mädchen legte den Kopf schief.
Es starrte ihn an. Er zurück.
„Ich bin Marie“, sagte es. „Ich gehe dort zur Schule.“ Es deutete hinter sich.
„Oh – Aufs Gymnasium“, erwiderte Jens. „Na, dafür hat ´s bei mir nicht gereicht. Ich bin gerade mit der Lehre als Drucker fertig. Offsetdrucker.“
Marie nickte.
Sie hatte nun auch ihre Zigarette aufgeraucht. Gemeinsam liefen sie die Straße entlang, schweigend. Aber so schweigend, dass sie schon fast wie nahe Bekannte wirkten, die ein Schweigen nicht als unangenehm, sondern als natürlich hinnehmen konnten. Jens wunderte sich, wie selbstverständlich Marie neben ihm lief. Sie hatte ihre Schultasche auf dem Rücken, lief in ihren Turnschuhe durch das nasse Laub und beobachtete mal den Himmel mal Jens ohne das Bedürfnis zu haben, ein Gespräch anzufangen.
So versuchte es der junge Mann.
„Wenn du möchtest, kannst du ja mal mit in die Druckerei kommen und ich zeige dir, was ich da mache“, sagte er. Es rutschte ihm eigentlich mehr heraus, als dass er es bewusst gesagt hätte.
„Du druckst Farbe auf Papier“, stellte Marie fest. Sie sprang geschickt über eine Pfütze. Jens verzog das Gesicht und schlurfte ohne das er es merkte durch die selbe Pfütze. Seite Schuhe waren durchnässt.
„Ein bisschen komplizierter ist das schon“, bemerkte er.
„Komplizierter als Murmeln?“, fragte Marie.
„Was?“
„Murmeln – Ist Drucken komplizierter als Murmeln?“, wiederholte sie. An einer Bank machte sie halt und setzte sich. Am Himmel tauchten dunkle Wolken auf. Und die Bäume bogen sich unter der Gewalt eisiger Winde, die von den Feldern her die Stadt durchbrausten.
„Ich versteh gar nicht, worauf du hinaus willst“, gestand Jens. Er setzte sich neben sie und ihm wurde bewusst, wie dumm die zwei nebeneinander aussahen. Ein so großer schlacksiger Kerl neben diesem hübschen, aber doch viel kleineren Schulmädchen. Am liebsten wäre er auch ein bisschen kleiner und dafür schlauer.
Marie sah auf ihre Schuhe und zog sie aus. Ein paar Regentropfen fielen auf die Füße, dann auch ins Gesicht. Jens wollte heim gehen oder sich irgendwo unterstellen, doch er konnte den Moment nicht mit seinen Worten verjagen. Er musste warten, was passieren würde. Das Mädchen gab den Ton an.
„Gib mir doch noch eine Zigarette“, sagte sie.
Während sie rauchte, begann ihr Gesicht blass zu werden. Sie rang mit sich, ihm zu erzählen, was sie meinte.
„Wie heißt du?“, fragte sie.
„Jens.“
„Okay, Jens... Ich möchte dir erzählen, was ich mit den Murmeln meine. Aber du bist der einzige, dem ich das erzähle.“ Sie paffte weiter. „Vielleicht bist du so was wie mein Seelenverwandter.“
Jens lachte.
„Nein, lach nicht!“, bat sie. „An meinem fünften Geburtstag habe ich so laut aufgeschrieen, dass noch die Leute auf der Straße stehen geblieben waren. Es ging ihnen so unter die Haut!“ Sie paffte wieder. „Es war ein einschneidender Tag und niemand hat verstanden, warum ich wochenlang in meinem Bett lag und jedes Spielen, Lachen, Tollen verweigerte. Sogar Süßigkeiten.“
„Und was war der Grund?“ Jens war unsicher, worauf diese Geschichte hinaus lief. Mittlerweile schüttete der Himmel das ganze Wasser nicht mehr Tröpfchenweise sondern in einem Guss vom Himmel. Und dennoch klebte der junge Mann an diesem Mädchen. Dabei war er kein Typ, der mit Frauen gut umgehen konnte und das wusste er auch. Wenn er an der Druckmaschine stand und plötzlich kam eine Frau in den Raum, wo sonst nur Männer arbeiteten, wurde er ganz unsicher in dem, was er tat. Mit Marie hatte er nicht so schlimme Probleme. Sie war ja noch ein Schulmädchen in Turnschuhen und mit einem T-Shirt von `Wir sind Helden´. In ihren Haaren klemmten bunte Spangen. Sie zwängte ihm noch nicht einmal eine Unterhaltung auf, sondern nur ihre Anwesenheit.
„Der Grund waren Murmeln.“
„Du hast dich vor den Murmeln erschrocken?“
Die Zigarette ging aus, Marie warf sie in eine Pfütze. Ihr Blick ging hinauf zum Himmel und glitt dann langsam aber bestimmt zu Jens.
„Ja.“ Marie nickte. „Weißt du noch, als du erkannt hast, dass das Leben niemals so werden wird, wie du es wünschst?“
Jens schüttelte den Kopf und nickte dann, aber er wusste nicht, was sie wollte.
„Als mir die Murmeln an meinem fünften Geburtstag aus der Hand fielen und die fielen Treppenstufen herunter sprangen, bekam ich eine mörderische Angst. Ich versuchte sie noch mit meinen Augen festzuhalten, mein ganzer Geist richtete sich darauf, dass diese Murmeln nicht mehr fallen mögen, doch sie hörten nicht auf mich.“
Jens hatte Mühe ihr zu folgen. Der Wind peitschte ihm das Wasser ins Gesicht. Er fühlte sich wie bei einem Schiffsunglück.
„Ich erkannte, wie abhängig diese Murmeln von der Schwerkraft waren. Natürlich nannte ich es damals nicht Schwerkraft. Und ich konnte nichts dagegen tun. Fiele ich selbst nach unten, ich könnte mich auch nicht wehren und fielen Freunde, ich würde sie nicht retten können. Mein Herz fühlte sich an, als würde es brennen. Mit fünf Jahren befiel mich eine Angst, die einen grausigen Schrei aus meinem Körper zwang. Er löschte die Angst und zerrte an meiner Kraft.“
„Und deshalb lagst du wochenlang im Bett?“, fragte Jens zögernd.
Marie lächelte. „Genau. Du hast es verstanden.“
Das hatte er nicht.

Marie stand auf und bedankte sich.
„Wofür?“, fragte Jens und errichtete sich ungelenk. Marie musste sich strecken, als sie ihn umarmte.
„Du saßt mit mir im strömenden Regen und hast mir zugehört“, sagte sie.
„Und ich würde es gern wiederholen“, gestand Jens.
Marie lächelte verzehrt. Sie dachte noch immer an die Murmeln.
„Ich auch. Ich denke, wir könnten gute Freunde werden.“

Von: delamarck, 12.08.2008, 17:48.
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KOMMENTARE:

"I think this is the beginning of a beautiful friendship"
von: derdepri, 12.08.2008, 21:38

ich weiß, was sie meint. wundertoll!
von: pfueffi, 12.08.2008, 21:59

Ich kenne den erlebten Hintergrund der Geschichte leider nicht, aber sie liest sich sehr gut und regt die Phantasie an. Einfach zuhören zu können ist oft viel wichtiger als Geschenke verteilen!
von: ekki, 19.08.2008, 10:21

toll :)
von: wuestenrose, 20.08.2008, 14:42

feinfein.
von: flups, 26.08.2008, 01:50

ooohh ist das selbst ausgedacht?^^ stark! ds wir sind helden t-shirt ist geklaut! =P das hab ich *g* aber so glaube ich auch zu verstehen was sie meint ^^ also fantastisch, wenn du dir das selbst ausgedacht hast!! =) ~Greetings~
von: tomkaulitz777 am 29.08.2008, 23:45


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