Jugendfestler: Passwort: | | |

jugendfest.de - Literaturecke: GESCHICHTE

Warum tote Tannen kein Glück bringen, Teil 2

– Fortsetzung –


War Nadja nicht nur ein Puzzlestück in Ellens Plan? Wessen Rache war das hier eigentlich? Nadjas Gedanken wurden immer trüber und dunkler. Statt mit Rainer abzuschließen und ihn zu verurteilen, projezierte sie alle Wut auf die andere.

Und dann kam das Auto von hinten gefahren und hupte laut auf. Nadja und Ellen sprangen rechtzeitig zur Seite, dann preschte das Auto an ihnen vorbei und blieb mit quietschenden Reifen stehen. Es war das Auto von Ellens Vater.
Ellen rannte ohne nachzudenken auf das Auto zu und schrie die Fahrer an.
„Hey, ihr Idioten! Bleibt stehen!“, schrie sie. Als sie neben dem Auto ankam, ging eine Tür auf und Arme griffen nach ihrem Körper und zerrten ihn umständlich ins Auto. Nadja konnte so schnell nicht reagieren. Sie sah nur zu, wie Ellen im Auto verschwand. Die Tür wurde wieder zugeschlagen, dann kehrte Stille ein. Das Auto stand nicht weit von Nadja entfernt, doch sie hörte überhaupt nichts mehr; sie wusste nicht, was die Leute im Auto mit Ellen getan hatten, jedenfalls drangen keine Schreie aus dem Inneren. Es war unheimlich. Die Zeit schien stehen zu bleiben.
Nadja lief ein paar Schritte rückwärts. Die Dunkelheit legte sich wie eine tote Hand um sie und verschnürte ihre Atemwege, so dass sie kurzzeitig keine Luft bekam. Ihr wurde schwarz vor Augen. Das Brummen des Motors holte sie wieder aus der Trance. Sie drehte sich um und rannte dem Auto davon, in dem sie rechts in die Bücher sprang und hocken blieb. Wieder quietschten Reifen. Das Auto fuhr langsam rückwärts und war dann an ihr vorbei. Der Fahrer hatte Nadja aus den Augen verloren, doch weit konnte sie nicht weg sein, also hielt das Auto wieder an. Eine Autotür ging auf und schlug anschließend zu. Dann vernahm Nadja Schritte, die auf der Straße hallten.
Das Mädchen bemühte sich um Ruhe und konzentrierte alle Sinne auf den Mann, der ganz in ihrer Nähe suchte.
„Ich weiß, dass du hier bist“, sagte er.
Nadja hatte die Stimme lange nicht gehört. Um genau zu sein, hatte Rainer den Kontakt vor zwei Jahren abgebrochen und sich nie wieder gemeldet. Kurze Zeit später berichtete ein Kumpel, Rainer habe schon wieder ein Mädchen an seiner Seite, die glaubt, seine Freundin zu sein. Und er hatte nicht Ellen gemein.
‚Mein Gott... Ellen. Was passiert wohl mit ihr?’, fragte sich Nadja. Woher wusste Rainer von der ganzen Aktion? Er konnte unmöglich mit der Tanne gerechnet haben, wo es doch schon so lange her war, seit sie diese Affäre gehabt hatten. Zwei Jahre waren kein Pappenstiel. Das ist eine Zeitspanne, in der man fast alles vergessen kann, wenn man es genug verdrängt. Oder hatte er genauso wenig verdrängt wie Nadja?
„Komm schon raus!“, rief Rainer ärgerlich. Er hatte keine Taschenlampe dabei und auch sonst kein Licht. Die Straßenlaterne war ein paar Schritte entfernt, gerade weit genug, um Nadja nicht zu verraten, sondern nur den Gehweg zu erhellen. Er würde sie nicht sehen, aber Rainer wusste ungefähr, wo sich das Mädchen befand und er hatte alle Zeit der Welt. Sie konnte nicht weglaufen, ohne dass er sie sah. Und sollte sie es versuchen, würde er sie in kurzer Zeit einholen.
Von der Seite stachen kleine Zweige in Nadjas Hals und bereiteten ihr Unbehagen. Auf der Nase begann es zu jucken. Vielleicht bewegte sich gerade eine Spinne in ihrem Nacken; es kitzelte. Doch Nadja bewegte sich nicht.
‚Steh doch einfach auf und tritt ihm entgegen’, sagte eine Stimme in ihrem Kopf. Diese Stimme hatte gut reden, weil es nur eine Stimme war. Sie erzählte den ganzen Tag Sachen, die unmöglich in die Tat umzusetzen waren. Und sie hatte auch schon parat, was Nadja ihrem Exfreund, wenn man ihn so nennen will, gegen den Kopf werfen sollte:
‚Tag’, würde sie ganz cool sagen.
‚Na, du hast nicht gedacht, dass ich mich einfach zu dir traue, nach der ganzen Geschichte, was? Aber weißt du: Ich bin nicht diejenige, die hier lächerlich ist. Das bist du ganz alleine. Ich habe dir angeboten, Freunde zu bleiben und ich wollte, dass du dich meldest und Stellung zu uns beziehst. Aber du warst ein Arsch! Du hast mit mir geschlafen, mehrmals. Du hast mir gesagt, du liebst mich, mehrmals und dann hast du dich aus dem Staub gemacht. Weißte, damals hat es weh getan, aber jetzt steh ich drüber. Mein Gott, der Scheiß ist zwei Jahre her. Meinste, ich trauer drum? Der Sex war scheiße und du auch. Ich hätte dich in den Wind schießen sollen, bevor dus mit mir getan hast. Lass Ellen frei und verpiss dich! Du bist ein kleiner Wurm und nicht wert, dass ich mich länger mit dir beschäftige.’
Diese coole Stimme konnte Nadja nicht überreden aufzustehen und tatsächlich zu ihm zu gehen. Alles tat ihr mit einem Male weh. Sie war müde und hatte Hunger und sie musste auf Toilette. Rainer sollte verschwinden. Sie konnte ihm nicht wieder unter die Augen treten, weil alles in ihr hoch kam. Es tat weh.
‚Zwei Jahre ist das her!’, tadelte die coole Stimme.
Nadja schluckte. Das war sehr viel Zeit. Wenn sie sich mit ihren 21 Jahren nicht einmal traute, diesem Spinner unter die Augen zu treten, dann würde sie sich niemals trauen, jemandem ihre Meinung zu sagen. Er war der Mensch, der es am meisten auf der Welt verdient hatte. Nadjas coole Kopfstimme zählte ihr einen Grund nach dem anderen auf.
‚... und außerdem’, fügte sie hinzu, ‚wird er dich jeden Moment hier finden und du musst dich ihm stellen, ob du willst oder nicht. Den Schlamassel hast du dir mit der Racheaktion eingebrockt, jetzt musst du die Suppe wieder auslöffeln. Wenn du hier hocken bleibst, wird es einfach nur peinlich für dich. Wenn du jetzt aufstehst und ihm gegenüberstehst, dann kannst du vielleicht noch dein Gesicht wahren.’

Nadja riss sich zusammen und kroch aus dem Gebüsch hervor.
„Na endlich“, sagte Rainer. Er trug seine Haare kürzer als damals. Sie waren ein bisschen länger als bis zu den Schultern, gingen ihm aber nicht mehr den ganzen Rücken hinunter. Er trug sie zusammengebunden. Sein Bart war länger geworden und es ekelte Nadja. Sie hasste Bärte.
„Hi“, erwiderte Nadja. Ihre Stimme klang erschrocken. Sie blieb ein kleines Rehkitz. Den Blick richtete sie demütig zu Boden. Sie könnte versuchen, zu fliehen, um dieser Situation zu entkommen, doch sie wusste, dass sie es nicht schaffen würde.
Rainer kam näher.
„Du hast mir also eine Tanne gestellt?“, fragte Rainer ohne Umschweife. Kein ‚Hallo’, kein ‚Wie geht’s dir?’ oder ‚Tut mir Leid’...
Nadja zuckte die Schultern. Sie wollte diesen Kerl nicht in die Augen blicken.
„Du Bitch, hast doch gar keine Ahnung, was es bedeutet, wenn man eine Tanne stellt! Du kommst nicht mal aus dieser Gegend hier und vergreifst dich an Bräuchen, die du nicht kennst!“, schrie er sie an.
„Mach mal halblang!“, antworte Nadja. „Du willst doch nicht abstreiten, dass du diese Tanne verdient hast?“ Dabei sah sie ihn nun doch an.
Rainer kam auf sie zu und packte sie an den Schultern. Jetzt ging die Autotür auf und Ellen kam unversehrt heraus.
„Ellen!“, rief Nadja.
Rainer schüttelte Nadja an den Schultern. „Du bist so naiv! Noch nie verlassen worden, was?“, fragte er. ‚Nein’, dachte Nadja.
Ellen kam neben Rainer an. Sie hatte ein Grinsen im Gesicht, das Nadja nicht deuten konnte, dann hakte sie sich bei Rainer unter und begutachtete mit ihm zusammen Nadja, die ungläubig in Tränen ausbrach.
„Was soll das?“, fragte sie. Und langsam schlich sich eine Ahnung in ihren Kopf, die sie aber nicht zulassen wollte. Als Ellen und Rainer sich demonstrativ küssten, kam die Gewissheit dann doch wie aus einem Trojanischen Pferd gesprungen und stach ihr ins Herz. Rainer hatte sie losgelassen, um sich voll und ganz dem Kuss zu widmen. Nadja stand da und verstand die Welt nicht mehr.
„Du bist so ein Baby“, lachte Ellen.
Nadja ballte ihre Hände zu Fäusten, riss sich aus der Starre und rannte auf das Auto zu. Sie sprang hinein, verriegelte alle Türen und ließ sich weinend aufs Lenkrad fallen. Eine nicht gekannte Trauer stieg in ihr hoch und schlug sogleich in Hass um. Sie hasste Rainer! Sie hasste Ellen! Wie konnten die beiden sich diesen Scherz auf ihre Kosten erlauben? Wie ekelte sie sich vor diesen Gestalten! Es würde sich überall herum sprechen. Jeder würde wissen, wie sich Nadja von den beiden hatte verarschen lassen.
‚Nein’, sagte die Kopfstimme. ‚Vergiss es! So kommen dir diese beiden ganz sicher nicht davon.’
Der Kopf hob sich ganz langsam wie in Zeitlupe vom Lenker. Sie blickte durch die Scheiben. Es hatte leicht zu regnen angefangen, sodass Nadja nur Schemen erkennen konnte. ‚Gut so’, sagte die Kopfstimme. ‚Es ist besser, wenn du diese Unmenschen jetzt nicht sehen wirst. Wir kennen dich ja. Du traust dich nicht. Aber wenn du nichts siehst, dann passiert auch nichts.’
Der Regen wurde stärker. Nadja wusste, dass irgendwo vor ihr Rainer und Ellen standen, möglicherweise liefen sie auch gerade auf ihr Auto zu. Oder sie standen direkt davor. Aber Nadja sah nichts. Es war als wäre sie wieder ein kleines Kind, das die Hände vor dem Gesicht hat. Du siehst mich nicht – Ich sehe euch nicht. Ihr seid nicht da. Es wird nichts passiert sein.
Der Schlüssel steckte noch in der Zündung und obwohl Nadja keinen Führerschein hatte, gab sie Gas.

Und dann war Nacht.
Das Klohpapier fiel vom Rücksitz nach vorn durch eine zerborstene Scheibe und saugte auf, was sich den Weg die Straße entlang bahnen wollte.

Von: delamarck, 16.03.2009, 17:59.
Alle Beiträge von → delamarck.
Diesen Textmelden.


KOMMENTARE:

wirklich gut. in schönen bildern geschrieben und sehr rührend!
von: derdepri am 17.03.2009, 20:43


dein Kommentar:
(max. 1000 Zeichen)
    
    
     Kommentare können nur eingeloggte Jugendfestler geben.
     Hier Jugendfestler werden!


Diesen Text per Email empfehlen.
Zur
Druckansicht.
Zur
Literaturecke.
JF-Mau-Mau:
foxi12 hat im Mau-Mau gegen unilux gewonnen! weiter
Such den Ort:
Punktzahl beim Such.den.Ort.Spiel: 48151 weiter
Kalender:
MoDiMiDoFrSaSo
303112345
6789101112
13141516171819
20212223242526
09.04.: Gründonnerstags-J..
21.04.: Warum? Evangelisc..

heute | alle | Jahresplan

aktual. JFler:
flint tee staubfinger
neue JFler:
sonnenschein2002 linab2690 lxstinyxxrlight
Jugendfestler:
Direkt zu einem Jugendfestler springen:
> los!

Durchsuchen:
Auf jugendfest.de Verlorenes finden:
> los!

Zuletzt gesucht: dualpoetrist nibiniel niebiniel