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jugendfest.de - Literaturecke: TAGEBUCH

Fluttagebuch

Montag
Rascheln im Gang. Ich wache auf. Im Flur treffe ich meinen Mitbewohner Knut*, ausgerüstet mit Regenjacke, zwei Rucksäcken und seiner Kamera. "Expedition?", frage ich. "Ich reagiere nur auf die Hochwasserprognosen. Wir müssen in Königstein den Laden meiner Mutter ausräumen." Ich sage, wenn sie noch Hilfe brauchen, sollen sie mich anrufen.
Habe einen Arzttermin- sitze wie auf heißen Kohlen. Tatsächlich ruft Knut an. "In zwei Stunden bin ich da."
Fahre mit dem Fahrrad nach Königstein. Bundesstraße, für den Elberadweg bräuchte ich ein Schlauchboot.
Dort angekommen wird die ganze Ladeneinrichtung eine Etage nach oben geräumt. Die Feuerwehr hilft, die schweren Sachen zu tragen. "Beim nächsten Umzug rufe ich auch die Feuerwehr...!" Auch andere Geschäfte und Anwohner bringen ihre Sachen in das Haus.
Am späteren Nachmittag sind wir alle erschöpft, die Betroffenen apathisch, wie in Schockstarre. Die Erinnerungen an 2002 kommen wieder hoch: alles was in Jahren erspart und erarbeitet wurde, die ganzen Renovierungsarbeiten im Erdgeschoss des alten Gebäudes- alles wird vom Wasser weggespült werden.
In ganz Königstein bekommt man an diesem Tag nichts mehr zu essen. Kneipen und Cafés haben zu oder sind überflutet, der Supermarkt hat ebenfalls dichtgemacht, und die Feuerwehr versorgt nur sich selbst.
Ich fahre gegen 19.00 Uhr heim, ziemlich fertig- und das war erst der erste Tag...

Dienstag
Ich rufe bei der DLRG an, ob sie mich brauchen. Sie sagen, ich soll mich bereithalten. Den Vormittag verbringe ich zu Hause. Versuche etwas für die Uni zu machen, aber kann mich kaum konzentrieren. Nach dem Mittagessen gehe ich in die Innenstadt. Dort treffe ich Anja* und ihre Schwester Anita*. Sie und andere Helfer haben schon einige Geschäfte leergeräumt und mit Planen und Sandsäcken gesichert. Wir helfen einem Fotogeschäft, Bilderrahmen und Accesoires in ein höheres Stockwerk zu bringen. Zum Dank gibt´s Gummibärchen und ein Gratis-Foto- wenn das alles vorbei ist. Wir sichern noch das Modegeschäft einer Bekannten mit Sandsäcken. Dann gibt es in der Stadt vorerst nichts zu tun. Wir fahren zur Feuerwache, wo Bundeswehr und freiwillige Helfer Sandsäcke füllen und verladen. Eine Drecksarbeit, die aufs Kreuz geht. Aber sie muss gemacht werden, die Pegel steigen weiter. Anita packt mit an, als habe sie ihr ganzes Leben nichts anderes gemacht. Respekt! 21.00 Uhr höre ich auf, ich kann kaum mehr die Schaufel anheben.

Mittwoch
Ich frage in der Zentrale, ob es noch was zu tun gibt. Nein, also wieder zur Sandstation. Dort verlangen die Soldaten nach Kaffee, woraufhin ich zwei Fahrradtaschen und einen Rucksack voll Cola und Eiskaffee herankarre. Dann helfe ich beim Verladen, das ist etwas entspannter als das Befüllen. Da hat man auch mal 10 Minuten Pause, wenn gerade kein Auto zu beladen ist. Wir dürfen bei Bundeswehr und Feuerwehr mitessen. Ein Bundeswehrsoldat erzählt mir, wie toll die Bundeswehr ist. Ich sage ihm, dass ich sie als Katastrophenhilfe sehr schätze, jedoch die Auslandseinsätze kritisch sehe. Für unsere Arbeit ist diese Meinungsverschiedenheit aber nebensächlich. Jetzt sind alle einfach Helfer- nicht mehr und nicht weniger. Ich mache nur bis 17.00 Uhr. Kräfte sind am Ende und ich will ja noch ein paar Tage weiter mit helfen- und nicht vom rot-weißen Auto mit der blauen Party-Leuchte abgeholt werden...

Donnerstag
Heute bin ich mit dem Fahrrad bzw. mit dem Fahrrad im Bus nach Dresden gefahren. Eine Uni-Vorlesung besucht. Danach in meine alte Schule, aber die brauchen vorerst keine Hilfe. Die Koordinatoren an der Synagoge schicken mich ans andere Ende der Stadt nach Kleinzschachwitz. Unterwegs bleibe ich bei Laubegast hängen, welches nur noch mit Bundeswehrfahrzeugen erreichbar ist. Wir verladen Sandsäcke und Nahrung für die vom Wasser Eingeschlossenen. Nach einiger Zeit ist aber nichts mehr zu tun. Die Bundeswehr bietet einen "Shuttleservice" für evakuierte Einwohner an, die noch einmal in ihre Wohnungen wollen. Irgendwann ist aber auch hier nichts mehr zu tun, es heißt auch, dass die Pegel stagnieren. Deshalb verabschiede ich mich um 15.00 Uhr- wenn ich ein Arzt wäre, wüsste ich, was mir jetzt alles weh tut... Aber die eigentliche Arbeit steht ja erst noch bevor: das Aufräumen danach.

Wenn Du in den nächsten Tagen Zeit hast- sobald das Wasser weg ist geht´s ans Aufräumen, und da wird jede Hand gebraucht- egal ob in Pirna, Königstein oder woanders. Das ist unspektakuläre Drecksarbeit- aber gemeinsam können wir das schaffen!

*Namen geändert

Von: modernebauelemente, 06.06.2013, 16:38.
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KOMMENTARE:

ist ja interesannt
von: raschi am 10.06.2013, 20:12


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